Rückblick

Erfolgsfaktor Umsetzungsstrategie

Seit nunmehr fünf Jahren kursiert der Begriff der Industrie 4.0 in Deutschland. Als Forschungsprojekt der Bundesregierung gestartet, werden nun Umsetzungserfolge erwartet. Studien belegen jedoch: Der Umsetzungsstand bleibt hinter den Erwartungen zurück. Längst stellen Experten fest, Industrie 4.0 sei kein Forschungsproblem, sondern ein Umsetzungsproblem. Doch woran liegt das? Ist Deutschland noch nicht bereit für die sogenannte digitale Revolution? Was wollen wir überhaupt mit diesem Werkzeug umsetzen, also: was wollen wir herstellen, wie wollen wir arbeiten, welche Probleme wollen wir lösen? Welche Möglichkeiten eröffnen sich?

Die VDI Impulsgespräche widmen sich in diesem Jahr dem Thema Industrie 4.0 mit all seinen Facetten, mit Chancen, Risiken und Perspektiven. Der VDI versteht sich hier als kreativer Gestalter. Bei den Impulsgesprächen vor Ort des Bergischen Bezirksvereins diskutierten zehn Experten über die Herausforderungen von Industrie 4.0 und den Erfolgsfaktoren für eine Umsetzungsstrategie. Zu Gast bei der Bergischen Universität Wuppertal erläuterten die Teilnehmer ihre unterschiedlichen Sichtweisen und berichteten über verschiedene Erfahrungen. Auch die in Wuppertal definierten Fragen und Herausforderungen bilden die Basis für lösungsorientierte Ansätze bei den VDI Impulsgesprächen im November 2016.

KMUs: Chancen der Industrie 4.0 für sich nutzen

Sicherlich kann dort, wo das meiste Kapital steckt, die Digitalisierung leichter geplant, getestet und implementiert werden. Doch die kapitalstärksten Unternehmen sind auch meistens die „Dickschiffe“ der Wirtschaft: Unternehmen mit Bedenkenträgern und langen Entscheidungswegen. Kleinstunternehmen sowie kleine und mittlere Unternehmen, die sogenannten KMUs, können sich einen größeren Kapitalaufwand zumeist nicht leisten. Allerdings haben KMUs andere Vorteile: Sie sind wendiger, haben kürzere und schnellere Entscheidungswege und mitunter auch weniger Menschen, die sich quer stellen. Manchmal sind KMUs auch mutiger. Leider denken heute noch viele dieser KMUs nur in ihren Schienen. Dabei ist bei der Industrie 4.0 viel Innovationskraft gefordert, manchmal muss man „einfach mal rumspinnen“. Natürlich darf man Spinnereien nicht hinterher rennen, sondern wahrnehmen, selektieren und dann erst umsetzen.
Wie fördere ich meine eigene Innovationskraft?
Wie lässt sich ein erhöhter Kapitalaufwand decken?
 
 

Industrie 4.0 kann die Unternehmensstrategie beeinflussen – muss es aber nicht

Die Perspektiven und Chancen, die die Industrie 4.0 Unternehmen bieten kann, sind sicher vielfältig. Doch sollte sich jedes Unternehmen genauestens überlegen, ob und wie es von der Industrie 4.0 profitieren kann. Als erstes muss ein Ziel definiert und detailliert betrachtet werden: Wie kann ich bei meiner Zielerreichung die digitale Transformation nutzen? Bei der Definition eines Zieles muss natürlich der Wettbewerb im Auge behalten werden. Allerdings sollten sich Unternehmen nicht nur in der eigenen Branche umschauen, ihr Branchendenken überwinden. Eine weitere wichtige Frage: Wie viel Industrie 4.0 wollen unsere Kunden eigentlich? Entscheidend ist, Kundenwünsche zu berücksichtigen und Nachfragen zu befriedigen. Einem Hype hinterher zu rennen, nur um teilzunehmen, ist dagegen sinnlos.
Wie finde ich heraus, ob die Industrie 4.0 neue Perspektiven für mein Unternehmen bietet?
Wo bekomme ich Unterstützung bei der strategischen Ausrichtung?
   

Geschäftsmodelle: Die Industrie 4.0 als Systeminnovation

Der Begriff „Industrie 4.0“ wird von einigen Experten kritisiert, denn diese Begrifflichkeit fokussiert sich auf Hersteller und Produzenten. Dabei hat die Industrie 4.0 auch große Auswirkungen auf andere Wirtschaftszweige. In der Industrie 4.0 ändern sich Geschäftsmodelle – und es entstehen neue. Zum Beispiel in der Dienstleistungsbranche: Hersteller sind jetzt noch mehr Dienstleister – und Dienstleister können die Chance ergreifen, neue Geschäftsfelder zu erschließen. Industrie 4.0 ist somit eher als eine Systeminnovation zu begreifen.
Wie können Player in unterschiedlichen Branchen die Industrie 4.0 für sich nutzen?
Kann ich selber Dienstleister sein – oder benötige ich Partner?  
 

Standardisierung: Normen sind notwendig

Das Ziel der Industrie 4.0 ist es, innovative Produkte und Leistungen zu ermöglichen, indem digitale Technologien mit Produktionstechnologien vereint werden. Doch dazu müssen technische Standards und Normen vorhanden sein, damit die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine, aber vor allem auch zwischen den Maschinen funktioniert. Doch Stand heute fehlt es noch an Schnittstellen, unterschiedliche Gewerke verstehen sich nicht. Ganz besonders ist es dann ein Problem, wenn verschiedene Branchen miteinander verzahnt werden: Man spricht branchenspezifische Dialekte, es gibt keine gemeinsame Sprachregelungen. Die Standardisierung sei ein Flaschenhals, beklagen Experten. Dabei werden nicht nur nationale, sondern internationale Lösungen benötigt.
Wer ist gefordert, Standards und Normen zu definieren?
Gibt es international bereits Standards und Normen, die adaptiert werden können?
Was kann zum Beispiel der VDI leisten, damit sich Informatiker und Ingenieure besser verstehen?
 
 

Open Innovation: Profitieren, indem man sein Wissen teilt

Ein Unternehmen alleine kann die Industrie 4.0 nicht stemmen. Anders als zum Beispiel in Japan oder den USA gibt es bei deutschen Unternehmen nur selten ein gemeinsames Vorgehen. Die Kultur der ‚Open Innovation‘ wird hierzulande kaum gepflegt. Open Innovation bezeichnet die Öffnung eines Innovationsprozesses, in dem Unternehmen, Kunden, Zulieferer, Forscher aber auch Mitbewerber aktiv an einer gemeinsamen Lösung arbeiten. Die wichtigste Voraussetzung dafür ist, sein Wissen mit anderen zu teilen. Doch diese Kultur des Teilens existiert hierzulande noch nicht, viele Unternehmen stehen großen, offenen Plattformen kritisch gegenüber, die Angst vor dem Ideen-Klau ist groß.
Welche Unternehmen können von Open Innovation profitieren?
Wen kann, wen muss ich in eine gemeinsame Plattform einbinden?
Welche Rolle können Ingenieure in der Open Innovation spielen?
 

Arbeit 4.0: Zufriedenheit schafft Fortschritt

Wer sein Unternehmen fit für die Industrie 4.0 machen will, muss in erster Linie auch seine Belegschaft mitnehmen. Dabei muss realistisch kommuniziert werden; statt Aufklärung gibt es jedoch oft Panikmache. Dabei ist die Industrie 4.0 eine Evolution, keine Revolution. Gleichzeitig können Unternehmer die Industrie 4.0 dazu nutzen, die Arbeit 4.0 so zu gestalten, dass die Mitarbeiter motivierter und selbstbestimmter – und im Endeffekt zufriedener – sind. Die Erfahrung zeigt, dass zuerst an der Basis die individuellen Wünsche der Mitarbeiter erfragt und tradierte Arbeitsmodelle überdacht werden sollten. Gerade die junge Generation sieht im digitalisierten Arbeitsablauf ihre Vorteile. Der Faktor Mensch kann sich in der Industrie 4.0 freier entfalten: Informationen teilen und erhalten, Kooperation und Kommunikation über weite Strecken und eine freiere Gestaltung des Alltags und des Lebens sind die Vorteile, die sich jedem Mitarbeiter bieten können. Nicht zuletzt muss aber klar sein, dass sich nicht die Mitarbeiter für die Technik qualifizieren müssen, sondern sich die Technik für den Menschen qualifiziert.
Wie kann ich die Belegschaft auf dem Weg in die Industrie 4.0 einnehmen?
Welche neuen Arbeitsmodelle entstehen?
Wie können die Entwickler den Faktor Mensch in ihre Ideen mit einbeziehen?  

Teilnehmer an den Impulsgesprächen vor Ort des VDI Bergischer Bezirksverein:
Dr. Harald Balzer (GKN Sinter Metals Filters GmbH), Dr. Andreas Braasch (IQZ GmbH), Dr. Wilhelm Brunner (A. Mannesmann Maschinenfabrik GmbH), Sabine Degner (Vertriebs- und Interim Management), Guido Grüning (DGB-Stadtverband Wuppertal), Heiko Hansen (Hansen Ingenieure), Dr. Michael Krause (SIKoM Bergische Universität Wuppertal), Alexander Lampe (A!B!C AG), Michael Voos (M94 GmbH); Moderation: Klaus Meyer (VDI Landesverband NRW)