Rückblick

Energiewende als Gemeinschaftsprojekt

„Die Energiewende gelingt nur als Gemeinschaftsprojekt.“, schreibt die Bundesregierung auf ihrer Internetseite und preist dort die Bürgerbeteiligung über Energiegenossenschaften an. Bei den VDI Impulsgesprächen sprechen die Teilnehmer darüber, ob diese Art der Bürgerbeteiligung ein Modell der Zukunft ist, ob aus technischer Sicht Vorbehalte der Bevölkerung ausgeräumt werden können und wie ein erfolgversprechender Dialog mit allen Beteiligten geführt werden kann. So, wie es zum Beispiel beim Hilchenbacher Bürgerwindpark geschehen ist.

Definiert man „Bürgerbeteiligung“ bei Projekten der Energiewende, so kann man grundsätzlich zwei Modelle unterscheiden: Zum einen gibt es eine Bürgerbeteiligung, wenn die Bevölkerung im Prozess von der Planung bis zum Betrieb proaktiv, frühzeitig und auf Augenhöhe eingebunden wird. Zum anderen gibt es die Bürgerbeteiligung finanzieller Natur. Die Bürger können sich in unterschiedlichster Art und Weise finanziell einbringen: Ob mit Unternehmensanleihen, geschlossenen Fonds oder auch Genussscheinen. Manche Investments versprechen bis zu 12 % Rendite.
Die Energiegenossenschaften nehmen hierbei eine Zwitterfunktion ein: So werden zum Beispiel in Bürgerwindparks die Anwohner zu Anteilseignern und können so bei der Planung und dem Bau der Anlagen (mehr oder weniger) mitbestimmen. „Nicht zuletzt ist die Energiewende abhängig von der Akzeptanz der Menschen in diesem Land. Das Modell der Bürgerbeteiligung kann somit zu einem wichtigen Baustein der Energiewende werden. Es geht hierbei nicht nur um eine technologische und ökologische Wende, sondern gleichfalls um eine gesellschaftliche. Genau hier können Bürgerwindparks einen entscheidenden Beitrag leisten“, wirbt der Bundesverband WindEnergie in einer Broschüre.

Bürgerbeteiligung nicht von allen gewünscht

Doch nicht alle Bürger wollen sich in einem Bürgerwindpark engagieren, obwohl er in ihrer Nachbarschaft stehen soll – oder gerade deswegen. Die Vorbehalte sind mannigfaltig: von der Ablehnung aus rein optischen Gründen, über die Angst vor Eisabwurf bis hin zu Beeinträchtigungen durch Geräuschemissionen, Lichteffekte und Schlagschatten. Einige dieser Probleme sind rein technischer Natur und lassen sich heute eindämmen oder gar abstellen. Andere Bedenken sind hauptsächlich durch Kommunikation und Dialog zu zerstreuen, hat Günter Pulte festgestellt. Er ist Geschäftsführer der Rothaarwind GmbH & Co. KG, die den Bürgerwindpark Hilchenbach im Rothaargebirge betreibt.

Bürgerwindpark Hilchenbach

Nach sechs Jahren Planungszeit wurde der Windpark Hilchenbach 2007 in Betrieb genommen. Der Windpark mit fünf 180 Meter hohen Windkraftanlagen ist in erster Linie ein privatwirtschaftliches Projekt, an dem neben zahlreichen Bürgerinnen und Bürgern auch die Stadt Hilchenbach beteiligt ist. Der Betreiber, die RothaarWind GmbH veranstaltet Führungen durch den Windpark.
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Bürgerwindpark Hilchenbach überzeugt die Bürger

Mehr als zwei Jahre hat Günter Pulte Öffentlichkeitsarbeit betrieben, bevor er überhaupt in die konkreten Planungen eingestiegen ist. „Einen Windpark für die Bürger zu bauen, das geht nur mit den Bürgern. Es macht keinen Sinn zu überreden, man muss überzeugen. Man darf die Bürger nicht bedrängen, sie sollen sich vorurteilsfrei mit dem Thema beschäftigen.“ Trotz einer kleinen, aber sehr agilen Bürgerinitiative gegen das Projekt erfuhr Günter Pulte so einen großen Rückhalt in der Bevölkerung und der lokalen Politik. Letztere legte mit der Zeit ihre Skepsis ab, heute hat er die volle Unterstützung des Stadtrates. Zuletzt bekam die Erweiterung des Bürgerwindparks Hilchenbach die Zustimmung ohne Gegenstimme.
Heute ist der Bürgerwindpark Hilchenbach so etwas wie eine Pilgerstätte geworden. Schon in der Bauphase veranstaltete Günter Pulte regelmäßig Führungen für die Bürger entlang der fünf Windkraftanlagen, bestieg mit den Bürgern halbfertige Türme, sah sich die Baustelle mit ihnen von oben an. Heute kommen Politiker und Bürger aus anderen Kommunen, um sich hier von den Vor- und Nachteilen eines (Bürger-)Windparks zu überzeugen.

Bürgerwindparks als Zukunftsmodell?

Trotz seines Erfolges in Hilchenbach steht Günter Pulte der Zukunft von Bürgerwindparks kritisch gegenüber. Zum einen warnt er vor überzogenen Renditeerwartungen. Zum anderen sieht er das Problem, geeignete Flächen zu finden: „Hier ist die lokale Politik gefordert, die in der Energiewende der Bundesregierung festgelegten Ziele und Maßnahmen umzusetzen. Also beispielsweise Standorte für Windkraftanlagen in ihrem Flächennutzungsplan auszuweisen.“ Doch das würden sich manche Politiker nicht trauen, weil sie eskalierende Konflikte befürchten. Daher würden diese etliche Dialoge führen, aber nicht handeln.